Heute ist die Brille für Millionen von Menschen ein unverzichtbarer Begleiter, ein modisches Statement oder sogar ein technisches Meisterwerk. Doch der Weg dorthin war lang. Die Geschichte der Brille ist eine Geschichte menschlichen Erfindungsgeistes, die zeigt, wie wir lernten, die Welt wieder scharf zu sehen.
Der Stein, der das Lesen ermöglichte
Die Geschichte beginnt nicht mit einem Gestell auf der Nase, sondern mit einem Stein in der Hand. Schon in der Antike beobachtete man, dass wassergefüllte Glaskugeln Dinge vergrössern können. Der eigentliche Durchbruch gelang jedoch im 13. Jahrhundert.
Mönche in Italien fertigten die ersten sogenannten „Lesesteine“ an. Dabei handelte es sich um geschliffene Halbkugeln aus Bergkristall oder Beryll (daher stammt auch das Wort Brille). Diese Steine wurden direkt auf die Texte gelegt, um die Buchstaben zu vergrössern. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kamen geschickte Glasbläser aus Murano auf die Idee, zwei dieser Linsen in Holz- oder Hornfassungen zu fassen und sie miteinander zu verbinden: Die Nietbrille war geboren. Sie hatte noch keine Bügel und musste vor die Augen gehalten werden.
Die Evolution der Form
Es dauerte Jahrhunderte, bis die Brille bequem wurde. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Schläfenbrille, die Vorläuferin unserer heutigen Modelle, mit kurzen Bügeln, die auf den Schläfen drückten. Davor gab es kuriose Erfindungen wie das Lorgnon (ein Stielglas), das Monokel (für ein Auge) oder den Zwicker, der unangenehm auf die Nasenwurzel geklemmt wurde. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich die Brille mit Ohrenbügeln durch, wie wir sie heute kennen.
Welche Brillenarten gibt es heute?
Die moderne Optik bietet für jedes Sehproblem und jeden Lebensstil die passende Lösung. Man unterscheidet heute primär nach der Funktion der Gläser:
- Einstärkenbrillen
Dies ist der klassische Typ. Die Gläser haben über die gesamte Fläche die gleiche Korrekturkraft.
Fernbrille: Korrigiert Kurzsichtigkeit (Myopie).
Lesebrille: Korrigiert die altersbedingte Weitsichtigkeit (Presbyopie), meist ab dem 40. Lebensjahr.
- Mehrstärkenbrillen (Gleitsichtbrillen)
Die Gleitsichtbrille ist das Multitalent für Menschen, die sowohl in der Ferne als auch in der Nähe Korrektur benötigen. Der Übergang zwischen den Sehbereichen ist fliessend und von aussen unsichtbar. Es gibt keine harten Kanten mehr wie bei den alten Bifokalbrillen.
- Arbeitsplatzbrillen (Bildschirmbrillen)
Speziell für den digitalen Alltag entwickelt, sind diese Brillen auf die Distanz zum Monitor und zur Tastatur optimiert. Sie entlasten die Augen bei langer Bildschirmarbeit.
- Sonnenbrillen und Sportbrillen
Hier steht neben der Sehschärfe der Schutz im Vordergrund. Sonnenbrillen schützen vor gefährlicher UV-Strahlung und Blendung. Sportbrillen bestehen aus bruchsicheren Materialien und bieten ein weites Sichtfeld.
Welche Brille passt zu mir?
Die Frage, welche Brille zu einem passt, hängt heute nicht nur von der Sehstärke ab, sondern auch von der Gesichtsform, der Haarfarbe und dem persönlichen Stil. Die Grundregel lautet: Die Brillenform sollte einen Kontrast zur Gesichtsform bilden, um harmonische Proportionen zu schaffen. Neben der Form spielen auch die Farbe der Fassung und die Augenbrauenform eine wichtige Rolle für ein stimmiges Gesamtbild.
Von schwerem Glas zu Federleichtem Titan
Früher waren Brillen schwer und hinterliessen Druckstellen. Heute dominieren zwei Materialgruppen:
Acetat & Kunststoff: Erlauben unendliche Farbvariationen und markante Designs.
Metall & Titan: Extrem leicht, Allergiker freundlich und fast unzerstörbar.
Die Brille hat eine beeindruckende Wandlung vollzogen: Vom klobigen Hilfsmittel für Gelehrte im Mittelalter zum hochpräzisen Hightech-Produkt der Gegenwart. Sie ist heute weit mehr als eine Sehhilfe – sie ist Ausdruck der Persönlichkeit und des individuellen Stils.
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